Gibt es ein echtes Handicap bei 9 Loch oder EDS Runde?

Das Golf Handicap soll grundsätzlich die Spielstärke eines Golfers abbilden und Spieler unterschiedlicher Leistungsstärke auf Basis von Nettoberechnungen vergleichbar machen. Einfluss auf das Handicap haben die Ergebnisse von vorgabewirksamen Wettspielen und sogenannte „extra day scores“, also EDS Runden. Beide Varianten können über 18 Loch oder 9 Loch gespielt werden.

Abgesehen davon, dass wir demnächst mit dem World-Handicap-System eine neue Berechnungsgrundlage bekommen und die meisten vermutlich auch ein neues Handicap, fällt mir in Foren und Facebook-Gruppen immer wieder auf, wie vehement über das Thema diskutiert wird. Einerseits ist da natürlich die Fraktion, die weiß, dass „nur die Deutschen so handicap-geil sind“ und sich selbst davon abhebt, weil sie „nur zum Spaß“ spielt – darüber könnte man auch einen eigenen Blogbericht schreiben..

Zwei andere irrwitzige Themen faszinieren mich aber noch mehr: Das eine ist die oft und gerne geäußerte Meinung, dass 18 Loch Golfrunden eine höhere Wertigkeit haben als 9 Loch Runden – weil man ja bei 9 Loch „18 Punkte geschenkt bekommt“. Die andere – noch schlimmere – lautet, dass ein Score nur „wirklich echt“ ist, wenn er in einem Turnier erspielt wurde und Handicaps aus EDS Runden kaum etwas wert seien.

Ich kann natürlich nur für mich sprechen, aber ich halte beides für ausgemachten Blödsinn. Hier meine Gedanken dazu – Achtung, jetzt wird es persönlich. 😉

Thema 1: EDS – eine Mogelpackung?

Ich verstehe mich mit unserem Sekretariat ganz gut; die zwei bei uns sind supernett, hilfsbereit und man kann auch mal – wenn Zeit ist – ein kurzes Gespräch zwischendurch führen. Aus genau so einem Gespräch weiß ich, dass gerade in diesem Jahr EDS Runden bei uns “der absolute Renner” sind.

Da etliche Turniere coronabedingt nicht oder nur eingeschränkt möglich waren, suchen sich sportlich ambitionierte Spieler eben eine andere Option, die eigene Spielstärke auf die Probe zu stellen und sich “ernsthaft” gegen den Platz zu messen: Extra Day Score ist das Zauberwort.

Für Mitglieder kostet eine EDS bei uns 5 Euro. Die Anmeldung vorab ist natürlich Voraussetzung, spätestens am Vortag muss sie per Mail, Anruf oder persönlichem Draht im Sekretariat vorliegen.

Ich treffe auf unserem Platz immer mal wieder auf jemanden, der gerade EDS spielt. Mehr als einmal ist schon der Satz gefallen „Ja, wir spielen gerade eine EDS Runde, läuft aber nicht so gut. Naja, dann ist es halt eine Spende an den Club.“

Und genau deshalb kann ich die Aussage, dass eine EDS immer ein Geschmäckle hätte, einfach nicht mehr hören. Denn er ist die simple (und ziemlich arrogante) Unterstellung, dass Golfer (natürlich nur die anderen!) gezielt eine EDS Runde spielten, um dort zu betrügen und sich so ein besseres Handicap zu erschleichen.

Ich halte das für hanebüchenen Unsinn. Abgesehen davon schießt mir bei solchen Aussagen immer der Begriff “psychologische Projektion” in den Sinn. Wie genau nimmt es jemand mit dem „Spirit of the Game“ eigentlich, der anderen pauschal unterstellt, genau diesem nicht zu folgen? Integrität bedeutet, sich an Regeln zu halten, auch wenn niemand es sieht.

EDS Runde am praktischen Beispiel Heidegolfer

Ich habe in diesem Sommer ein bisschen Golf gespielt – wie sicherlich die meisten von uns. Genau genommen habe ich für meine Verhältnisse sogar recht viel gespielt, gerade August und September waren “Golfmonate”. Praktisch für diesen Artikel ist, dass ich die unterschiedlichen “Varianten” gespielt habe, die sich hier gegenüberstehen.

Mitte August zum Beispiel habe ich innerhalb weniger Tage drei 18-Loch-Runden auf meinem Heimatplatz in Celle gespielt: jeweils eine Privatrunde, ein earlybird-Turnier und eine EDS Runde. Meine Scores waren 103, 98 und 102 – also dicht beieinander und damit nahezu perfekt für diesen Vergleich:

  • Die 103 habe ich in einer Privatrunde mit zwei Bekannten gespielt – netto wären es 35 Punkte gewesen
  • Meine 98er-Runde war in einem offiziellen Turnier vom Golfclub, bei dem ich mich am Ende mit 40 Nettopunkten nach langer Zeit endlich mal wieder unterspielen konnte.
  • Die 102 schließlich habe ich in einer EDS Runde mit Freunden gespielt, die mit 33 Nettopunkten so grade zum “Puffern” gereicht hat.

Vielleicht bin ich ja einfach nur ein schlechter Betrüger? Vermutlich, denn ich spiele immer mal wieder eine EDS-Runde habe mich dabei in diesem Jahr nur einmal im Handicap verbessert – und das auch nur um einen Schlag. Das häufigste Ergebnis war „keine Hcp-Veränderung“ und natürlich habe ich mich auch mehrfach im Handicap verschlechtert.

Dass ich mich unterspiele, kommt in EDS genauso selten vor wie in Turnieren. Meine persönliche Erfahrung bei anderen Mitgliedern meines Heimatclubs ist eine sehr ähnliche. Und dank des guten Drahtes zum Sekretariat weiß ich, dass bei uns eine EDS Runde längst kein Garant für ein “besseres” Handicap ist – ganz im Gegenteil.

Thema 2: 18 Loch versus 9 Loch

So eine 18 Loch Runde muss doch eigentlich mehr wert sein, “weil man ja auf 18 Loch den Score zusammenhalten muss”. Auf “nur” 9 Loch gut spielen kann schließlich jeder, die wahre Kunst oder der wahre Sportsgeist zeigt sich nur über die volle Distanz, weil da dann auch die Kondition zählt. /*Zynismus off*/

Abgesehen davon, dass meine Kondition nicht sonderlich gut ist (ich bin trainingsfaul und habe ein richtig bequemes Sofa), kann ich auch hier bei den Argumenten nicht mitgehen. Zumindest für mich trifft das einfach nicht zu. Mein Golf Handicap korreliert weder mit dem einen noch dem anderen und ich glaube, das trifft auf die meisten Spieler zu.

Wenn ich mir meine diesjährigen 18-Loch-Runden anschaue, dann ist es mitnichten so, dass ich anfangs immer besser bin als am Ende. Aber es ist auch nicht andersherum (manch einer kommt ja erst nach ein paar gespielten Löchern so richtig in Gang). Alles variiert von Runde zu Runde – ohne erkennbares Muster.

Widmen wir uns wieder dem praktischen Beispiel

Ich habe etliche Runden, bei denen ich die Frontnine um fünf, sechs oder sieben Schläge besser gespielt habe als die Backnine. Aber das gleiche kann ich auch andersrum: Auf anderen Runden sind meine zweiten neun Loch deutlich stärker als die ersten.

Ausgeglichene Runden habe ich übrigens auch immer mal wieder gespielt – also wo ich im Prinzip die Frontnine und die Backnine gleich gut (oder schlecht) gescored habe.

Die oben schon beschriebenen drei 18-Loch-Runden aus dem August sind erneut ein perfektes Beispiel. Mein Heimatplatz in Celle ist ein Par 71-Kurs (aufgeteilt in 35 auf der Front- und 36 auf der Backnine):

  • Meine 103 in der Privatrunde teilt sich auf in eine 51 und eine 52 (oder anders gesagt: 16 über und 16 über). Front- und Backnine sind also ausgeglichen.
  • Die anschließende 98 im Turnier habe ich mit einer 52 und 46 gespielt (17 über / 10 über), hier war ich auf den etwas längeren zweiten neun Loch deutlich stärker.
  • Meine 102 in der EDS-Runde schließlich setzt sich aus einer 48 und einer 54 zusammen (13 über / 18 über). Also habe ich an diesem Tag die etwas engeren ersten neun Loch besser gespielt.

Diese drei Runden stehen stellvertretend für jede Menge weiterer solcher Ergebnisse. Und ich habe auch schon recht gute 9 Loch Runden gespielt, aber eben auch schon ziemlich katastrophale – wenn man auf 9 Loch zwei Löcher verreißt, dann lässt sich das deutlich schlechter “reparieren” als bei 18 Loch.

Mein Fazit

Das Gewese um EDS, 9 Loch, 18 Loch und so weiter verstehe ich nicht. Was Du selbst kannst oder nicht kannst, machst oder nicht machst, das gilt in erster Linie nur für Dich. Es bedeutet nicht automatisch auch, dass es anderen Golfern genauso geht.

Wer also einer 9 Loch Runde weniger “Bedeutung” für die Golf Handicapgestaltung beimisst als einer “echten” 18 Loch Runde, sollte vielleicht einfach seine Einstellung überdenken… 😉 Und ja, sicherlich gibt es auch ein paar Golfer, die bei einer EDS-Runde am Score drehen. So what. Dieser Schlag Mensch bescheißt auch bei anderen Gelegenheiten (wie einem Turnier).

Ich finde es übrigens um Längen besser, wenn sich Golfer im Handicap “nach unten betrügen”, als dass sie sich “hochbetrügen” und als Handicapschoner einmal im Jahr dicke Nettopreise abräumen – denkt mal drüber nach… 😉

Epilog

Ehrlich gesagt habe ich noch nie wirklich begriffen, warum sich Leute für anderer Leute Handicap interessieren. Mir persönlich ist es wurscht, ob jemand ein Single-Handicap hat oder nicht. Und wo und wie dieses Handicap zustande gekommen ist, spielt genauso wenig eine Rolle.

Tagesformen können so unglaublich weit variieren, dass man zwei unterschiedliche Golfer vor sich vermutet. Ich hatte bei unseren Clubmeisterschaften dieses Jahr die ersten zwei Runden einen Mitspieler, der genau dieses Dilemma ganz extrem erlebt hat. Nach einer 140 in der ersten Runde (hyper-nervös und zusätzlich gehandicapt durch ein schmerzende Hand) hat er in Runde zwei eine 98 geschossen. Sowas passiert einfach mal.

Sich nun darüber auszulassen, dass jemand sich mutmaßlich sein Handicap „ermogelt“ hätte, weil er es gerade nicht spielt, zeugt nicht wirklich für viel Verständnis vom Golf oder vom „Spirit of the Game“.

Abgesehen davon gibt es halt immer ein paar Menschen, die sich aus einem Golf Handicap Bestätigung holen oder es als Status Symbol ansehen. Amateurpsychologisch gesehen verdient das allerdings eher Mitleid als Spott. Und wenn sich jemand über anderer Leute Handicap auslässt, dann übrigens auch.

6 Kommentare

  1. Dass wird in D eine Macke mit dem HCP haben, trägt wesentlich dazu bei, dass Golf immer noch als Reichensport statt als Breitensport wahrgenommen wird. Vielleicht ändert sich das mit dem WHI, aber ich habe Zweifel.
    Zm Thema 9 Loch Turniere kann ich auch nur sagen, dass es eben manchmal so ist, dass man die ersten 9 gut spielt und die zweiten 9 weniger gut, manchmal ist es umgekehrt. Wenn man aber WEISS, dass man nur auf den 9 Löchern punkten kann, so ist das bereits Stress genug. Ich habe dieses Jahr wesentlich mehr 9 Loch Turniere gespielt als die Jahre davor, das Ergebnis ist im Prinzip das selbe wie bei den 18-er Runden. Mal schlechter, mal weniger gut ;o)
    Je mehr man spielt, umso mehr gleicht sich das HCP sowieso der eigenen Spielstärke an – wichtig finde ich, dass man auf vielen unterschiedlichen Plätzen spielt, und genau dafür sind 9 Loch Turniere wegen des geringeren Zeitaufwandes prima geeignet (Thema „after work“ und ähnliches).
    Da ist nix Anrüchiges dabei, sondern das dient nur dem Image, nämlich dass man nicht immer 4-6 Stunden spielen muss, sondern das Ganze auch mal in 1,5 bis 2 Stunden durch sein kann.
    Und noch eines, ab 2021 werden 9 Loch Turniere NOCH schwieriger, weil man nicht mehr 18, sondern nur noch 17 NP „geschenkt“ kriegt (das Ganze heisst dann allerdings „9 Nettopars plus 1 Schlag“). Gibt’s wieder mal nur in D. Das verstehe, wer will, ich tu’s nicht.

    1. Hi Stefan,
      danke dir, du hast absolut recht. Warum es für D wieder eine Sonderregelung gibt, erschließt sich mir auch nicht – vielleicht ist ein deutscher Sonderweg schon so in Fleisch und Blut übergegangen, dass unsere Regelhüter das reflexartig machen.
      Das gleiche gilt im neuen WHS mit dem Einstiegs-Hcp. Gibt es überall als 54er Hcp, bei uns zunächst nur als „PR“. Aber sei’s drum.
      Die 9 Loch Runde wird alanspruchsvoller da hast du recht. Ich bin gespannt auf nächstes Jahr, unter anderem genau deshalb. Hoffen wir mal, dass wir wieder etwas unbeschwerter sein können…

  2. Ein sehr schöner Artikel lieber Olaf.
    Die „9-Loch Turnier Belächler“ (meist aus anderen Clubs) gehen bei uns regelmäßig baden. Der Platz ist anspruchsvoll und eng, die Vorgabe gering. Da wird jeder Fehler hart bestraft, nach 2x 0-Punkte ist die Runde im Eimer. Ich persönlich spiele zu über 75% die zweiten 9 auf 18-Loch besser, dann bin ich richtig im Spiel. Nachteil bei 9-Loch Turnieren ist ja auch, das eine Verbesserung auf den zweiten 9 nicht stattfinden kann.
    Eine EDS Runde habe ich noch nie gespielt, aber zu schummeln und das HCP künstlich zu verbessern ist nur was für den Stammtisch. Auf den Platz ist derjenige wieder hinten im Flight, durch die geringere Vorgabe bestraft er sich selbst. Das neue System ab Januar scheint realistischer zu werden als bisher. Ich finde es gut und werde sogar leicht runtergestuft.
    Gruß nach Celle.

    1. Danke Dir, Thomas,
      ich denke auch, dass die meisten eher Nachteile von einem „Betrug“ haben, außer das eigene vermeintliche Selbstwertgefühl. 😉
      Auf das neue System freue ich mich auch sehr, weil ich mir insgesamt mehr Gerechtigkeit verspreche.
      Schöne Grüße zurück. 😀

  3. Bin sehr froh mal zu lesen, dass es noch weitere Golfer gibt, die meine Meinung zum HCP teilen.
    Dass man bisher sein HCP „nur“ bei Turnieren erspielen konnte fand ich schon immer bedenklich. Der Eine ist beim Turnier sehr stark motiviert und spielt immer bei Turnieren sein bestes Golf. Der Andere ist beim Turnier viel zu aufgeregt und spielt beim Turnier sein schlechtestes Golf. Vom Profi mal abgesehen spielen wir überwiegend keine Turniere, sondern schön gechillt Privatrunden. In beiden oberen beschriebenen Fällen stimmt das HCP (erspielt vielleicht aus 10% der gespielten Runden) nicht mit den anderen 90% (oder so ähnlich) überein. Ich verspreche mir wirklich von dem neuen System realistischere HCPs wenn alle Runden zur HCP-Ermittlung eingereicht werden können.

    1. Hallo Hape,
      danke für das Feedback – freut mich zu hören, dass ich nicht alleine mit meiner Meinung bin. 😉
      Ich vermute fast, wir sind noch viel mehr.
      Ich mutmaße einfach, dass die überwiegende Zahl der (sportlich orientierten) Golfer den Sport auch tatsächlich ernst nimmt. Ich persönlich wäre für mich selbst gar nicht zufrieden, wenn ich ein Hcp hätte, das nicht „ehrlich“ wäre. Kann ich gar nicht mit um…

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