Grand Theft Brutto

Eine Geschichte über das Bescheißen beim Golf. Gastautor Matthias hat die golffreie Zeit genutzt und einen neuen Bericht geschrieben. Diesmal ist es ausnahmsweise kein Reise-, sondern ein Erlebnisbericht. Die eher unerfreulichen Ereignisse liegen bereits ein paar Tage zurück, aber jeder von uns kann sich bestimmt in Matthias hineinfühlen – oder habt ihr etwa noch keine Erfahrungen zum Bescheißen beim Golf?

Der folgende Text ist diesmal ein wenig länger, aber wenn ihr Matthias‘ herrliche Art zu schreiben kennt, dann werdet ihr euch darüber freuen. Wer trotzdem lieber hören als lesen möchte, der findet die Geschichte inzwischen auch als Sonderfolge im Golf Podcast „Shankdotcom“ auf Spotify, gelesen vom anderen Mathias (der Stimme der Porsche European Open).

Ansonsten – lest selbst. Und jetzt also viel Spaß mit „Grand Theft Brutto“ – einer Geschichte vom Bescheißen beim Golf!

I – Der Zinker

Ich muss schmunzeln, als ich das Wort höre. „Ich kenne den“, sagt Theo am Telefon. „Der war schon immer ein Zinker!“

Mein erster Gedanke: wie schön, mal wieder dieses Wort zu hören. Wie lange ist das her? Bestimmt 20 Jahre. Nachts, nach irgendeiner Party, noch nicht müde genug zum Einschlafen, auf Kabel Eins hängengeblieben. ‚Der Zinker‘ von Edgar Wallace, mit Klaus Kinski, Heinz Drache und natürlich dem britischsten Nichtbriten aller Zeiten, Eddi Arent.

Zinker. Erst langsam dämmert mir, was für wunderbar passendes Wort das ist. Perfekt formuliert, Theo; a Hund bist scho! Ein Zinker. Das ist keiner, der spontan mogelt, im Affekt bescheißt, in einem kurzen schwachen Moment dem Drang nachgibt, nach einem wilden Zickzack durchs Rough zumindest noch einen Nettopunkt zu retten.

Nein, ein Zinker plant seine Siege langfristig. Hat schon vor dem Spiel bei allem Trümpfen die Rückseite der Karte markiert oder sich die Asse in den Ärmel geschoben. Hat sich im Morgengrauen ins Lager des Konkurrenten geschlichen und an dessen Material herumgepfuscht. Hat sich selbst, seinem Pferd oder seinem Porsche mehr Kraft eingespritzt als erlaubt.

Oder aber, hier geht es schließlich um Golf: Ein Zinker hat sich schon vor der Runde eine idiotensichere Methode überlegt, wie er heute unbemerkt ein gutes halbes Dutzend Schläge von der Scorekarte verschwinden lassen wird. Nun ja, fast idiotensicher und nicht ganz unbemerkt, denn sonst gäbe es ja diesen hier Text nicht…

Reden wir also mal über das Bescheißen.

Jeder von uns kennt die Geschichten, fast jeder von uns ein paar der Protagonisten. Manche sind im ganzen Club bekannt, zu erkennen am sofort einsetzenden Getuschel, wenn bei der Siegerehrung der Name fällt. Manche genießen ihren Ruhm sogar überregional, einer weltweit. Frei nach Goethe: Die Geister, die ich Reed, werde ich nie mehr los!

Außer Patrick Reed, dessen Vergehen Teil der Golfgeschichte sind und sich bei Youtube wunderbar nachweisen lassen, möchte ich in diesem Text keine Schurken beim Namen nennen, zumindest nicht ihrem wirklichen. So schön sich ein Pranger im Jahr 1650 auf dem Dorfplatz gemacht hat, so schlecht passt er ins World Wide Web. Daher bitte auch keine weiteren Hinweise in den Kommentaren, sofern Ihr zu wissen glaubt, um wen es geht.

Ach doch.

Einen weiteren Schuldigen verrate ich Euch noch, wo wir gerade so vertraulich zusammensitzen: Einer der Übeltäter saß, als dieser Text entstand, gerade an seinem Laptop und war nicht stolz auf den nun folgenden Absatz.

Ja, ich habe auch mal versucht zu bescheißen. Es ist sehr lange her, vermutlich fast so lang wie die Edgar-Wallace-Filmnacht mit Klaus Kinski und Konsorten. Ich hatte damals den Drang, eine Ungerechtigkeit auszugleichen: jemand hatte mir in den Schlag gelabert, und da bin ich leider seit jeher empfindlich. Der Ball kurvte ins Nirvana und ich wollte die zwei Schläge zurück. Die Überlegung, wie ich das unauffällig deichseln kann, hat mich den kompletten Rest der Runde vom Wesentlichen abgelenkt, und danach stand für mich die Erkenntnis, dass das nix für mich ist.

Vielleicht hatte ich auch einfach das „Pech“, wahren Meistern dieses Handwerks, wie dem Zinker und Lederstrumpf – mehr von ihnen später – erst in ferner Zukunft zu begegnen. Ich war wohl einfach ein beschissen untalentierter Bescheißer, und weil ich mich noch nie lange mit Dingen aufgehalten habe, bei denen sich einfach keine Fortschritte einstellen wollen, habe ich es ziemlich schnell wieder gelassen.

Also, auf meiner Seite des Monitors sitzt einer. Ein ehemaliger, immerhin, bescheißfrei seit 2002, das reimt sich sogar. Und auf Eurer?

II – Denn sie wissen, was sie tun

Die meisten der Gaunereien, die mir auf dem Golfplatz begegnen, sind Kavaliersdelikte. Gegen die Regeln? Ja. Absichtlich? Den Eindruck habe ich. Aber eben doch so harmlos, dass ich wegen Geringfügigkeit lieber nicht zu genau hinsehe. Ich weiß, dass die Golfregeln hier mehr von mir verlangen, aber ich bin ein Mensch, meine Mitspieler sind es auch, wir wollen alle eine gute Zeit zusammen haben und gerade beim Golf ist ‚eine gute Zeit haben‘ sogar Grundvoraussetzung für Erfolg. Da muss es reichen, wenn ich die Regeln bei mir selbst so exakt wie möglich befolge und bei den anderen darauf achte, dass es im Rahmen bleibt. Hätte ich Spaß daran, den ganzen Tag andere zu maßregeln, wäre ich Bademeister geworden.

Trotzdem, glaubt bitte nicht, dass ich es nicht sehen würde. Oder gutheißen.

Ich sehe es, wenn jemand beim Markieren die Münze schön weit unter den Ball schiebt, und dann, wenn der Ball zurück auf das Grün gelegt wird, plötzlich eine breite Lücke zwischen Münze und Ball klafft. Der Kontinentaldrift findet definitiv zu langsam statt, um diese zu erklären.

Im Matchplay kann es vorkommen, dass ich die Gelegenheit nutze: der freundliche Hinweis an den Gegner, dass er, wenn er den Ball noch zweimal markiert und zurücklegt, nah genug am Loch ist, um den Putt geschenkt zu bekommen, ist natürlich in Wirklichkeit gar nicht freundlich. Aber wirksam.

Dieses Ball-nach-vorne-Markieren ist wahrscheinlich der unter Hobbygolfern am weitesten verbreitete Bauerntrick, über die Golfkarriere gaunert man sich so ein paar Dutzend Meter zusammen, und alle paar Monate kippt mal ein Putt gerade noch so eben von der Seite ins Loch, der aus 3 cm größerer Entfernung vielleicht ausgelippt wäre. Na dann, Glückwunsch. Wer’s braucht.

Ich sehe es, wenn jemand im Rough beim Identifizieren des Balles das Gras rund um den Ball schön weit nach außen drückt, oder den Ball nach dem Aufnehmen liebevoll ein bisschen höher ins Grasbüschel legt. Und ich sehe auch, dass das nicht zufällig oder versehentlich passiert.

Ich sehe es, wenn jemand beim Droppen nicht in gerader Linie von der Fahne zurück geht, sondern schräg, um danach einen besseren Winkel an den Büschen und Bäumen vorbei in Richtung Grün zu haben.

Ich sehe es auch, wenn jemand nach dem Schlag ins seitliche Wasser nicht dort droppt, wo der Ball die Grenze zum Hindernis tatsächlich letztmals überflogen hat, sondern dort, wo er sie letztmals überquert hätte, wenn der Ball erst noch einen Karpfen am Kopf getroffen hätte, zurück auf die Spielbahn geprallt und dort dann erst ins Wasser gekullert wäre.

III – Lederstrumpf

Auch das habe ich gesehen. Nur aus den Augenwinkeln, aber eindeutig. Während wir rechts im Rough den Ball von Basti gesucht haben, hat links an der Ausgrenze unser österreichischer Mitspieler eine Fußfertigkeit bewiesen, wie sie in der Alpenrepublik zuletzt von Hans Krankl zu bewundern war.

I wer‘ narrisch, aber noch nicht sofort. Zunächst bin ich zu perplex. Ist das gerade wirklich passiert? Eigentlich hat er einen guten Abschlag gemacht, wir alle kennen den Platz nicht, das Birdie Book des GC Chieming ist auch nicht wirklich eine Hilfe, und entsprechend hat keiner von uns geahnt, dass dieser wunderbare Abschlag über die Kuppe ins Unsichtbare vielleicht doch nicht so wunderbar war.

Als dann hinter der Kuppe links weiße Pfosten grüßen, sinkt die Begeisterung. Die zwei Meter Semirough zwischen Fairway und Ausgrenze sind schnell abgegrast, kein Ball zu sehen, also nach rechts und nach Bastis Murmel gucken. Plötzlich links im Gemüse eine Fußbewegung, etwas Helles hoppelt in Richtung Golfbahn, und meine Galle schwillt.

Ich versuche, meine Emotionen zu unterdrücken, einen Socket später ist mir klar: kann ich nicht. Ich koche innerlich, aber noch weiß ich nicht, was ich machen soll. Ich spiele zwar inzwischen 18 Jahre Golf, aber so einen Fall hatte ich noch nie. Aufgewühlt stümpere ich mich zu einem Double Bogey, dann puttet der Hans Krankl für Arme das Loch zuende. Noch besteht ja die kleine Chance, dass er sagt: „Strich, ich wollte nur gerne das Loch zuende spielen“, oder wie immer das im Tiroler Dialekt klingen würde.

„Fünf“, sagt Anton; bedeutet: Par.

Er heißt eigentlich anders, aber sein wirklicher Name tut wie eingangs erwähnt nix zur Sache, und er kommt aus Tirol. Also für diesen Text: Anton.

„Hast Du den Schlag mit dem Lederwedge auch mitgezählt?“ Ich hatte genügend Zeit, über eine angemessene Antwort nachzudenken. Zwar würde mein rasender Puls auf jeder nicht-deutschen Autobahn das Tempolimit reißen, weit jenseits der 130. Dennoch stelle ich die Frage ruhig, unter diesen Umständen erstaunlich beiläufig.

Jetzt ist Anton dran mit perplex. Dabei ist das eigentlich die Stelle, an der er so tun muss, als wisse er gar nicht, was ich meine. Wie, was, Lederwedge? Aber soweit denkt er in dem Moment nicht, wie ein ertappter Schüler beim Rektor stammelt er sich unverzüglich einen ab, windet sich wie ein Wanderer im Treibsand ins Verderben. Er habe seinen Ball dann doch noch im Semirough gefunden, aber sich geärgert, dass er so doof lag, und deshalb aus Verärgerung in den Boden gekickt. Wahrscheinlich hätte er dabei auch einen Stein rausgetreten, und den hätte ich auf die Spielbahn rollen sehen.

Ja klar.

Ich bin nicht sein Zähler, und außer mir und Anton aus Tirol hat niemand etwas mitbekommen. Die ‚5‘ wandert auf die Scorekarte und wir wandern zum nächsten Abschlag. Die folgende Bahn verbringe ich damit, mich langsam und eher erfolglos wieder zu beruhigen und meine miese Stimmung nach Tirol auszulagern. Als Anton nach dem nächsten Loch seinen (ohne Zweifel völlig korrekten) Score sagt, zähle ich demonstrativ noch einmal nach, rolle die Augen, murmele Unverständliches in meinen Bart und gehe weiter.

Es wirkt. Das Par mit Lederstrumpfunterstützung war sein letztes für längere Zeit. Ich habe mir beim Schreiben des Textes seine Scorekarte noch einmal angesehen, auf den folgenden 4 Bahnen sammelt Anton stolze zwei Nettopunkte. Na also! Ich habe ihm ein bisschen garstig, aber erfolgreich die Erfahrung aufgezwungen, die ich selbst schon 2002 gemacht habe: bescheißen ist mies fürs Karma und mieses Karma ist mies für den Score.

Okay. Meine Runde ist am Ende vom Score her auch kaum besser. Aber bestimmt meine Laune auf der Heimfahrt. Die ist blendend.

IV – Das Leiden der Anderen

Mein Lieblingssatz zum Thema – NICHT! – lautet: Die betrügen ja eigentlich nur sich selbst, weil sie dann künftig ein Handicap haben, das sie nicht spielen können. Tröstliche Worte, aber trügerisch.

Sie sind nicht selbst ihre einzigen Opfer, auch alle anderen leider darunter.

Klar müssen sie ihr erfolgreich ermogeltes Handicap später auch bestätigen. Aber vermutlich haben sie die Lösung bereits verinnerlicht: einfach konsequent weiterbescheißen.

Zweitens ist nicht jede Runde Handicap-relevant und es gibt ohnehin ein Leben jenseits der Nettowertung.

Und drittens, vielleicht bescheißen sie ja selektiv? Bevorzugt dann, wenn es besonders viel Ruhm, Ehre, Finalreisen oder feinen Alkohol einzukassieren gilt? Die drei Gaunereien, von denen dieser Text primär handelt (meine eigene eingeschlossen) fanden in völlig unbedeutenden Turnieren statt. Aber ich habe auch schon erlebt, wie es bei der Siegerehrung plötzlich unruhig wurde und einen Check der Scorekarten später die viertägige Finalreise nach Novo Sancti Petri an einen anderen Spieler ging. Wie sich herausstellte, hatte der Lebensgefährte der ‚Siegerin‘, der zufällig (?) auch der Zähler war, wohl nicht gewusst, dass man zum Schläge zählen auch die Finger der zweiten Hand verwenden darf.

Also, wer bescheißt, bescheißt sich selbst UND alle anderen auch gleich mit. Bescheißt jeden, der ebenfalls am Turnier teilnimmt und selbstverständlich von einem fairen Wettbewerb ausgeht. Bescheißt auf Kosten des bedauernswerten Zählers, der sich hierüber Gedanken machen muss, der abwägen muss: wann sag ich was, und wie, habe vielleicht ICH mich verzählt? Auf Kosten des bedauernswerten Zweiplatzierten, der statt mit dem Pokal mit dem Gedanken ins Bett geht, ob nicht an der 17 doch Vorlegen die bessere Wahl gewesen wäre. Auf Kosten von mir, der sich tief in der Nacht durch diesen Text hier müht, statt alternativ vielleicht mal zu gucken, was Kabel Eins heutzutage so im Nachtprogramm hat.

V – Pünktchen und Anton

Zurück zum Zinker. Auch er hat einen richtigen Namen, aber auch der tut nix zur Sache. In diesem Fall ist es auch gar nicht nötig, ihn beim Namen zu nennen, auch ohne meine Hilfe hat er sich schon in die zweite Kategorie hochbeschissen. ‚Überregional bekannt‘, das muss reichen. Unsere gemeinsame Runde war wohl kein Einzelfall.

Nennen wir auch ihn Anton. Das ist doppelt vorteilhaft: ich muss mir nicht für jeden Penner einen neuen Alias-Namen ausdenken und nebenbei ergibt das eine sehr schöne Zwischenüberschrift.

Anton der Zinker ist Single-Handicapper, und man sieht sofort, dass er das früher auch mal wirklich war, nicht nur auf dem Papier. Doch die letzten Jahre haben Spuren hinterlassen, selbst gut getroffene Drives verenden weit diesseits der 200 Meter. Nur wenige Grüns schafft er in Regulation.

Es geht so weit, dass ich mich auf der Runde mit einem der Mitspieler kurz unterhalte: für den Anton wird der neue Handicap-Index ein Segen sein, damit er schnell von dieser veralteten, unrealistisch niedrigen Vorgabe wegkommt.

Wir spielen und schreiben nach Corona-Regeln, jeder füllt die eigene Scorekarte aus. Nach der Runde liest der Zinker seinen eigenen Score vor, schnell, flüssig und korrekt, ich bestätige und setze fix meinen Matthias darunter. Dann bietet Anton an, noch schnell die Scorekarten abzugeben, er habe es eilig und müsse weiter.

Die große Überraschung kommt 2 Stunden später, als die Siegerlisten auf die Tische gelegt werden. Wie gesagt, die Bösewichte in meinem Text sündigen in völlig belanglosen Turnierchen, hier gab es nicht einmal eine Siegerehrung. Welch sinnlose Vergeudung krimineller Energie!

Alles, was es gibt, ist eine Siegerliste.

Drei Blätter DIN-A-4, es könnte so langweilig sein. Aber Anton hat im Volkshochschulkurs ‚Kreatives Schreiben‘ aufgepasst: „Gerade an sich eher trockene Werke lassen sich auflockern, indem sie mit einem Witz beginnen.“ Also gleich ein Brüller in Zeile 1, der Zinker ganz oben bei Brutto. Eine 8 über Par soll es gewesen sein. Narrhallamarsch!

Ich fühle mich in meiner Zähler-Ehre gepackt. Außerdem war mir schon auf der Runde aufgefallen, dass Anton ziemlich ungeniert die ganze Trickkiste der Kavaliersdelikte leergeräumt hat: Auf dem Grün wandert der Ball beim Markieren in ungewöhnlich großen Sprüngen in Richtung Loch, die Sonderregel „besserlegen auf kurzgemähten Flächen“ wird überall auf dem Platz angewendet, und auch hier liegt der Ball nach dem Reinigen zufälligerweise immer deutlich vor der Stelle, von der er aufgenommen wurde. Ich muss mir eingestehen, dass ich aus Mitgefühl mit dem alternden Männchen mit dem viel zu niedrigen Handicap ziemlich viele Augen zugedrückt hatte. Aber nun nicht mehr.

Als ich um die Scorecard des Zinkers bitte, ist die erste Reaktion hinter dem Counter „oh je!“ Anton wohnt 50 km das Tal herunter, und auch sein Heimatclub befindet sich dort. Doch sein Ruf ist ihm bereits vorausgeeilt, das Tal hinauf, und wie sich in den folgenden Tagen zeigt, auch in alle anderen Himmelsrichtungen.

Schon auf Bahn 2 werde ich fündig: niemals hat er dort ein Par gespielt. Oder doch? Dann auf der 5, das soll ein Bogey gewesen sein, nach dem verhunzten Abschlag und dem verzweifelten Gehacke rechts aus dem Rough?

Dann mein Highlight.

Auf der 12, einem Par 3, hatte ich vergessen zu schreiben. Erst deutlich später war es mir aufgefallen, ich hatte noch einmal nachgezählt und kam auf ein Bogey, war mir aber nicht ganz sicher. Nun gut, dünn eine „4“ notiert.

Später habe ich Anton beim Aufschreiben eines anderen Loches unauffällig über die Schulter gelugt, da stand auf der 12 eine „3“. Sollte ich mich verzählt haben? Komisch, passiert mir selten, habe eigentlich ein gutes Erinnerungsvermögen.

Nun gut, also die „4“ durchgestrichen und eine „3“ daneben gesetzt.

Als der Zinker später seinen Score vorliest, sagt er auf der 12 eine „4“ an. Nun fange ich dann doch an, mich zu wundern. Sollte ich mich verguckt haben? Komisch, passiert mir selten, habe eigentlich ein gutes Sehvermögen.

Nun gut, also die „3“ durchgestrichen und neben die durchgestrichene „3“ und die durchgestrichene „4“ eine neue „4“ gesetzt.

Und nun, im Sekretariat mit Antons Scorecard in der Hand, lacht mir dort eine „3“ entgegen. Sollte ich mich verhört haben? Nein, Schluss jetzt.

Dann sehe ich noch etwas: an den Bahnen 2, 5, 12 und noch bei weiteren 4 Löchern ist auf der Scorecard ein kleines Pünktchen zu sehen, mit Bleistift dort hingekrickelt. Ein kleines Pünktchen nur, eigentlich harmlos, aber genau an den verdächtigen Löchern? Zufall?

Sofort beginnen die Zahlen und Pünktchen vor meinem Auge zu tanzen und fügen sich zusammen wie bei Russell Crowe als John Nash in ‚A Beautiful Mind‘. Alles passt zusammen, in weniger als 30 Sekunden habe ich den raffinierten Plan von Anton dem Arglistigen durchschaut. Sein Meisterwerk, erdacht in schlaflosen Nächten, mit der routinierten Nonchalance des Meisterdiebs vorgetragen am 18. Grün, vermutlich schon vielfach erprobt, bewährt, verfeinert. Durchschaut von einem Golfblogger aus München innerhalb von wenigen Sekunden, und nach zwei Weißbier. Ich weiß jetzt, wie der Grand Theft Brutto abgelaufen ist!

Aber sofort mischt sich in die Freude auch abgrundtiefes Entsetzen. Wenn es so abgelaufen ist, und das ist es ohne jeden Zweifel, dann hat er schon am 2. Grün zum ersten Mal mit völliger Absicht seine Scorekarte gezinkt. Und das nicht etwa im Affekt wegen eines ausgelippten Putts oder eines unglücklichen Bounces, sondern weil man das so macht als Zinker. Aus Prinzip. Er hat sich vier Stunden alle Mühe gegeben, den freundlichen entspannten älteren Herrn zu geben, und mich davon mindestens dreieinhalb Stunden eiskalt angelogen.

Also, hier sein Trick, wenn Ihr nicht schon selbst darauf gekommen seid:

Er hat mir an Bahn 2 eine 5 gesagt, sich selbst eine 4 aufgeschrieben und daneben Krickelpünktchen Nummer 1 auf seine Scorecard gezaubert. „Vier auf die Karte, eins im Sinn.“ Dergleichen auf Bahn 5 und noch weitere fünf Male.

Später, beim Vorlesen, hat Anton jedes Mal das Pünktchen schnell gedanklich hinzuaddiert, und wäre er nicht so gierig gewesen und hätte sich den Bruttosieg ergaunert, wahrscheinlich wäre er damit durchgekommen.

Bescheißen beim Golf

Für einen ganz kurzen Moment habe ich sogar ein bisschen Respekt vor der geistigen Leistung, in dem Alter noch so flüssig kopfrechnend seinen Phantasiescore auf die von mir erwartete Schlagzahl hochzurechnen.

Aber ich kann Euch beruhigen. Der Großteil der Anerkennung verfliegt sofort, das Gefühl persönlichen Beleidigtseins überwiegt.

Den Rest nimmt mir Theo zwei Tage später, am Telefon, nachdem sich die Story wie ein Lauffeuer über ein paar Umwege bis zu ihm herumgesprochen hat. Theo hat mir nämlich nicht nur das wunderschöne Wort ‚Zinker‘ in den Kopf gepflanzt, er hat mir auch ein bisschen über Anton erzählt. Theo kennt Anton schon sehr lange; sie Freunde zu nennen wäre irreführend.

Anton hat in jüngeren Jahren andere Sportarten betrieben, und schon da war so manches beeindruckende Ergebnis zumindest verdächtig, wenn man die Regeln dieser Sportart einerseits und die der Physik andererseits nebeneinanderlegt.

Und dann ist Anton auch Unternehmer, ein Händler mit Familienbetrieb, und auch als solcher zumindest in der Branche überregional bekannt. Damit stellt sich eine Frage, die sich alle Bescheißer in den Golfclubs der Republik dringend stellen sollten: Möchte ich, dass jeder, der mit mir Geschäfte macht, dies in der Annahme tut, mit einem Gauner zu verhandeln?

Mein lieber Zinker, so cool, selbstverständlich und routiniert, wie Du mich vorführen wolltest, machst Du das doch wahrscheinlich auch seit 40 Jahren im Geschäftsleben. Sollte ich Dir, wenn Du schon bei einem völlig unbedeutenden Golfturnier von langer Hand geplant einen Grand Theft Brutto abziehst, bei wirklich großen Summen nicht noch viel mehr Schäbigkeit zutrauen? Was immer Du mir je verkaufen wollen würdest: nee, lass mal!

7 Kommentare

  1. Wieder mal ein schöner Artikel, wenn auch der Inhalt eher erschreckend ist.
    Nach 4 Jahren Turnier spielen ist mir dies leider auch schon untergekommen.
    Selbst junge Spiele (die Person war gerade mal 17) greifen zu solchen Mitteln.

    Doch mein Kommentar soll eher eine Eigen-Anzeige sein:
    Ich spiele und zähle immer korrekt bei mir, doch in einem Spiel war Alkohol im Spiel und an der vorletzten Bahn verzog ich den Abschlag nach rechts ins Gebüsch. Den provisorischen auch. Aber nicht ganz so weit rechts. Ich fand einen Ball wieder und da ich mir nicht gemerkt hatte, welchen ich zuerst gespielt hatte, spielte ich diesen „als ersten“ weiter. Mein Zähler fragte mich am Ende des Lochs nur nach meiner Schlagzahl und normalerweise hätte ich einen Strich notieren lassen müssen, da nicht klar war, ob der erste Ball wirklich weiter gespielt worden war. Doch mit einer 5 bekam ich noch 2 NP.
    Im Endergebnis hatte ich mein HCP verschlechtert, doch dieser Vorfall beschäftigt mich noch heute (2 Jahre später).
    Seitdem bin ich noch korrekter beim Zählen und lasse mir lieber einen Schlag zuviel aufschreiben 😉

  2. Sehr schön zu lesender Bericht und leider ist mir diese Spezies auch bekannt.
    Nach einem Urlaubsturnier in Österreich mit einem ortsnahen und bekannten Chirurgen wusste ich endlich, wie er stolz darauf kam, sich seit 20 Turnierrunden nicht verschlechtert zu haben. Seine Bälle konnten schwimmen – bis hinter Wasserhindernisse und das trotz nicht ganz spritzfreiem Eintauchen. Immerhin musste er bei wunderschönem Wetter schön schwitzen, da er direkt nach dem Abschlag schnell losflitzte, um genug Zeit zum Optimieren der Lage zu haben.

  3. Endlich traue ich mich beim Seniorengolf mitzuspielen, nachdem ich mich in mehreren Rabbitsturnieren auf glorreiches HCP 39 gespielt habe. Voller Respekt spiele ich in einem Dreierflight mit einem Singlehandicaper, nennen wir ihn „Anton“.
    Am ersten Loch verzieht Anton seinen ersten Abschlag leicht nach links und liegt durchaus noch gut spielbar im Semiraff. Der andere Mitspieler zieht nach rechts und mein Ball liegt glücklicherweise Mitte Fairway und ist der längste. Während ich also, von der Mitte her den Spieler rechts beobachte, drehe ich kurz meinem Kopf nach links um nach Anton zu sehen und traue meinen Augen nicht: Er setzt ohne Skrupel das Lederwedge ein. Den Ausdruck kannte ich damals allerdings noch nicht.
    Ich konnte es nicht glauben, nach dem ersten Schlag schon der erste Beschiss. Ich habe mich nicht getraut etwas zu sagen, war ja noch sehr unerfahren. Das war aber noch nicht alles. An einem der nächsten Löcher spielt er als erster das Grün an und läuft auch sofort nach seinem Schlag los. Nachdem wir beiden anderen geschlagen hatten und uns dem Grün näherten, hatte er schon seine Marke am rechten Rand platziert. Hinter diesem Grün steht ein dicker Baum. An dessen Stamm lag eigentlich unspielbar ein Golfball. Und siehe da, Anton geht hin, hebt den Ball auf und erzählt uns, dass er gerade einen Ball gefunden hat.
    Das ist jetzt schon ein paar Jahre her, aber es ist mir immer noch in so schlechter Erinnerung, dass ich das hier aufschreibe. Anton ist übrigens immer noch im Club, immer noch mit Singlehandicap, aber auch mit denkbar schlechtem Ruf. Übrigens würde ich das heute nicht mehr tolerieren.

    1. Hallo Kervermia,
      vielen Dank für deinen Kommentar. Ich habe vollstes Verständnis dafür, dass man gerade als Golfanfänger eher noch still ist, wenn man solche Vergehen beobachtet – das wäre mir auch nicht anders gegangen.
      Vor allem verstehe ich aber, dass man wirklich schockiert sein muss. Irgendwie hatte ich als Einsteiger auch nicht damit gerechnet, dass jemand, den man bis dahin eher ehrfüchtig anschaut (ui, der hat Single-Hcp) sich dann als Bescheißer entpuppt. Ging mir mit einem Mitspieler bei uns auch so.
      Zum Glück habe ich zumindest die Erfahrung gemacht, dass die überwiegende Mehrzahl der Golfer nicht so unterwegs ist…
      VG Olaf

  4. Herrlich, habe sehr gelacht. 🙂
    Das Verwunderliche ist jedoch die Sicherheit der Antons dieser Erde, das dem Mitspieler/Zähler das nicht auffällt. Wenn man in einer Runde mehrfach das Gefühl hat, „Hoppla das stimmt was nicht“, dann hat der Kollege zu 99% beschissen. Zumindest bei einigermaßen durchschnittlichen aufmerksamen Mitspielern.
    Das absichtliche Markieren der Scorekarte und das falsche Vorlesen später, ist jedoch ein Hammer.

    1. Freut mich zu lesen, dass Dir der Bericht gefallen hat.
      Eigentlich schlimm, wenn so jemand noch eine Bühne bekommt für seine Missetaten. Immerhin ohne (echten) Namen… 😉

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